
Pforzheimer Kurier
Kommentar von Mike Bartel vom 4. Januar 2009:
“Dass es so schnell gehen würde, damit hatte keiner gerechnet. Wir zählen erst den zweiten Tag des Jahres. Die Silvester-Knallerei ist kaum vorbei. Da sorgt Gert Hager für den ersten kommunalpolitischen Kracher. Er will Oberbürgermeister werden.
Weniger die Tatsache an sich, als vielmehr der Zeitpunkt ihrer Bekanntgabe ist eine faustdicke Überraschung. Während sich Amtsinhaberin Christel Augenstein noch immer nicht dazu geäußert hat, ob sie wieder antreten wird, ist Hager mutig vorgeprescht. Diese Forschheit hätten ihm gewiss nicht viele zugetraut. Doch sie spricht für ihn. Und der Zeitpunkt zur Bekanntgabe seiner Kandidatur ist geschickt gewählt: Wir befinden uns in einer nachrichtenarmen Zeit. Und die Oberbürgermeisterin weilt im Ski-Urlaub. Da hat der SPD-Mann die große Bühne erst einmal für sich allein.
Zudem bringt er die Amtsinhaberin unter Zugzwang. Natürlich will nun jeder baldigst wissen, was sie vorhat und ob man weiter mit ihr rechen kann. Alle warten nun auf einer Reaktion von Christel Augenstein. Sollte sie bis dato der Ansicht gewesen sein, den Zeitpunkt zur Eröffnung des Wahlkampfs selbst bestimmen zu können, so ist sie – wie man seit gestern weiß – einem Irrtum aufgesessen. Gert Hager hat die Initiative ergriffen. Das steht einem Herausforderer gut zu Gesicht. Und lässt die Amtsinhaberin schlecht aussehen.
Doch man darf darüber hinaus nicht vergessen: Wahlen werden nicht durch den Zeitpunkt von Bewerbungen entschieden. Sondern durch die handelnden Persönlichkeiten. Da kommen sicherlich noch einige hinzu. Und natürlich werden sich die Bürger nicht nur die Gesichter der Kandidaten genauer anschauen, sondern auch deren Wahlprogramme.
Gert Hager behauptet “Pforzheim kann mehr!”. Aber mal ehrlich, wer von denen, die ihre Zukunft in der Goldstadt sehen, behaupten das nicht? Und Hager hat zehn Zukunftsthemen aufgelistet, die gleichzeitig so allumfassend und allgemein sind, dass sie jederzeit auch in jedem anderen Partei- oder Wahlprogramm stehen könnten. In seinem Brief an die Mitbürgerinnen und Mitbürger schreibt Hager von ungenutzten Reserven in puncto Ideenreichtum und “Mitmachen der Menschen”. Er will mehr Bürgernähe und ein stärkeres Miteinander der Gruppen und Generationen. “In Zeiten wie diesen müssen wir gemeinsam überlegen, wo unsere wahren Stärken liegen.” Es gelte, Kultur und Wirtschaft zu fördern und Arbeitsplätze für alle müssen her.
Solche Erkenntnisse und Ziele hauen einen nicht gerade vom Hocker. Aber wer so clever bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur vorgeht, dem ist auch zuzutrauen, dass er seine Allgemeinplätze zu gegebener Zeit auf plausible und möglicherweise sogar überraschende Weise mit Leben erfüllt.
Reaktionen